Wenn Großkonzerne zu mächtig werden: AT&T, Microsoft und das US-Kartellrecht

Wenn Großkonzerne zu mächtig werden: AT&T, Microsoft und das US-Kartellrecht

Die Geschichte der US-Wirtschaft liefert anschauliche Beweise dafür, dass selbst gigantische Unternehmen nicht unangreifbar sind. Die Fälle von AT&T und Microsoft sind hierbei besonders lehrreich; sie stammen zwar aus unterschiedlichen Branchen, vermitteln jedoch ähnliche Lektionen über die Grenzen von Marktmacht, die Bedeutung von Wettbewerb und die Rolle staatlicher Regulierung.

​AT&T: Vom Telefonpionier zum Monopolisten

​Die Wurzeln von AT&T gehen auf Alexander Graham Bell zurück, der 1876 das Telefon patentierte. Bell, ein Lehrer für Gehörlose und Forscher in der Sprach- und Tontechnologie, erkannte das immense Potenzial seiner Erfindung. Zusammen mit Investoren wie seinem Schwiegervater Gardiner Greene Hubbard gründete er 1877 die Bell Telephone Company mit dem Ziel, das Telefon kommerziell nutzbar zu machen, indem sie Geräte herstellten, Netze aufbauten und Kunden bedienten.

​Um auch überregionale Fernverbindungen anbieten zu können, entstand 1885 die American Telephone and Telegraph Company (AT&T). Das Unternehmen stieg schnell zum dominanten Anbieter in den USA auf und kontrollierte als sogenanntes Bell-System bald nahezu sämtliche Telefonnetze des Landes.

​In den 1960er Jahren war AT&T eines der größten Unternehmen weltweit und eine wahre Macht: Es kontrollierte rund 90 % aller Telefonanschlüsse in den USA, sowohl lokale als auch überregionale Netze. Mit etwa 750.000 Angestellten und jährlichen Umsätzen in Milliardenhöhe war es ein Wirtschaftsgigant. Zudem war AT&T Eigentümer der Bell Laboratories, die als weltweit führend in Forschung und Entwicklung galten und bahnbrechende Erfindungen wie den Transistor, den Laser und die digitale Übertragung hervorbrachten. Nicht zuletzt war AT&T durch Beteiligungen an internationalen Projekten, wie etwa Transatlantikkabeln, global von Bedeutung.

​Die Ambivalenz des Giganten

​Die öffentliche Wahrnehmung des Unternehmens war, ähnlich wie heute bei großen Tech-Konzernen, ambivalent. Einerseits wurde AT&T positiv wahrgenommen für seine Zuverlässigkeit und Stabilität („Wenn es funktioniert, dann AT&T“), seine technologische Führungsrolle und die Innovationskraft sowie als Arbeitgeber mit hoher Arbeitsplatzgarantie und sozialer Sicherheit. Andererseits gab es kritische Stimmen, die das allgegenwärtige Monopol und die daraus resultierende geringe Konkurrenz bemängelten, was zu hohen Preisen für Fernverbindungen und bürokratischen Strukturen führte. AT&T wurde so zu einem Symbol immenser, nahezu „unantastbarer“ Macht.

​Das Ende des Monopols: Zerschlagung

​Die übermächtige Stellung von AT&T blieb nicht ohne Konsequenzen. Die US-Regierung leitete ein Kartellverfahren ein, da das Unternehmen den Wettbewerb aktiv behindert hatte. Zu den Vorwürfen zählten die Vorschrift, dass Kunden nur genehmigte AT&T-Geräte verwenden durften – eigene Geräte waren lange Zeit verboten, bis die Carterfone-Entscheidung von 1968 dies änderte. Zudem schränkte AT&T den Netz-Zugang ein, sodass Wettbewerber ihre Netze nicht mit dem Bell-System verbinden konnten, was den Fernsprechmarkt stark limitierte. Auch im Mobilfunkbereich soll AT&T seine Marktmacht genutzt haben, um Wettbewerber durch die Kontrolle bestimmter Frequenzbereiche zu benachteiligen.

​Dies mündete 1982 in einen Vergleich und schließlich 1984 in die Zerschlagung: AT&T musste sein lokales Netzgeschäft in sieben unabhängige Regionalgesellschaften, die sogenannten „Baby Bells“, ausgliedern. Das Ziel war die Förderung des Wettbewerbs und die Anregung von Innovationen. Interessanterweise wurden viele dieser „Baby Bells“ in den 2000er Jahren wieder in AT&T integriert, allerdings unter deutlich strengeren regulatorischen Bedingungen.

​Microsoft: Restriktionen statt Zerschlagung

​Ein weiteres signifikantes Beispiel ist der Microsoft-Antitrust-Fall Ende der 1990er Jahre. Die US-Regierung warf Microsoft vor, seine marktbeherrschende Stellung im Bereich der Betriebssysteme auszunutzen, insbesondere durch das Koppelgeschäft, bei dem der Internet Explorer fest mit Windows verknüpft wurde. Im Gegensatz zu AT&T entging Microsoft der Zerschlagung, erhielt jedoch starke Verhaltens- und Lizenzrestriktionen.

​Dazu gehörten die Auflage, einheitliche Lizenzbedingungen für OEMs zu schaffen, die Offenlegung seiner Schnittstellen (APIs) sowie die Unterwerfung unter strenge Compliance-Maßnahmen und eine Überwachung. Diese Auflagen zwangen Microsoft, sein Geschäftsmodell anzupassen und trugen maßgeblich zur Stärkung des Wettbewerbs in der Softwarebranche bei.

​Die Aktualität der Lektionen

​Beide Fälle verdeutlichen zentrale Grundsätze des US-amerikanischen Wirtschaftssystems: Monopole werden nicht geduldet, selbst riesige Unternehmen können regulatorisch beschnitten oder zerschlagen werden. Das Kartellrecht hat die Funktion, Wettbewerb und Verbraucher zu schützen, um Innovation, Marktvielfalt und faire Preise zu sichern. Auch wenn sich Unternehmensstrukturen über die Zeit ändern – wie die teilweise Wiederverschmelzung der ehemaligen AT&T-Töchter zeigt – geschieht dies nur unter neuen, strengeren Regeln.

​Heute stehen erneut große Technologieunternehmen wie Google, Amazon, Apple und Meta im Fokus der Kartellbehörden. Die Lehre aus der Geschichte von AT&T und Microsoft bleibt aktuell: Marktmacht muss kontrolliert werden, sonst greift der Staat ein.

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